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Thema: World in Balance - das war doch 'was von Ratiopharm?

  1. #1
    Jan
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    World in Balance - das war doch 'was von Ratiopharm?

    Wie wahrscheinlich viele Fernsehzuschauer bin auch ich über die im Mai und Juni 2007 ausgestrahlte Fernsehkampagne „World in Balance“ gestolpert. Ich konnte mit dem Gezeigten herzlich wenig anfangen. Irgendwie klang es alles recht seltsam. Eine Parallele zu bisherigen Sozialaktionen (Krombacher, Volvic etc.) kam mir schnell in den Sinn.

    Um etwas mehr Informationen zu bekommen, habe ich versucht ein paar Informationen im Internet zu dieser Aktion zu finden. Mich hat es da schon überrascht, daß die Informationen recht dürftig sind. Kaum eine Tageszeitung hatte es bis Ende Mai für nötig befunden, einen Artikel über die Aktion zu verfassen.

    Da es auf der Homepage von World in Balance Karten für den Abend zu gewinnen gab und ich mir eine Veranstaltung für 120 € nicht einfach mal so antue, habe ich an diesem Gewinnspiel teilgenommen und auch tatsächlich den Eintritt für zwei Personen gewonnen.

    So sind wir also am 1. Juni in Richtung Landungsbrücken in Hamburg aufgebrochen. Für die Veranstaltung war einer der beiden Missisippi-Raddampfer gebucht worden, die seit Jahren wie zwei Fremdkörper durch den Hamburger Hafen schippern.

    Für die Gäste wurde extra ein roter Teppich ausgerollt und die Veranstlatung machte vom organisatorischen her einen höchst professionellen Eindruck. Selten habe ich auf einer solchen Veranstaltung so viele mehr oder weniger wichtige Helfer mit ihren Plastikkärtchen um den Hals gesehen.

    Wir haben unss dann die Mitte des Saales gesetzt und erstmal unseren Blick über das anwesende Publikum schweifen lassen. Spannend wäre es gewesen zu erfahren, wieviele der Gäste wirklich für den Abend gezahlt haben, wieviele Ärzte und Apotheker da mit uns auf den Wellen tanzten und ob wirklich nur vier Karten für den Abend verlost worden waren. Die drei Frauen bei uns am Tisch sagten jedenfalls, daß sie sich die Karten gekauft hätten. Wir vertrieben uns die Zeit bis zum Ablegen des Schiffes mit Mutmaßungen, ob es sich nicht um eine pharmazeutische Heizdeckenfahrt handeln würde. Wer nicht mindestens eine Tüte Generika kauft, kommt nicht mehr vom Schiff runter ;-)

    Bis zur letzten Minute war mir also immer noch nicht klar, was eigentlich wirklich Sinn und Zweck des Abends sein sollte. Die Ankündigung im Internet „Freuen Sie sich auf einen anspruchsvollen und durch vielfältige Beiträge sowie anregende Diskussionen bereicherten Abend.“ half mir jedenfalls nicht richtig weiter.

    Als das Schiff dann relativ pünktlich ablegte begann der Vortragsmarathon und als dann nach kurzer Zeit eine technische Panne behoben war, konnte ich tatsächlich hören, was eine Frau, deren Vorstellung der Panne zum Opfer fiel, zu sagen hatte. Die (wie sich später herausstellte) persönliche Sprecherin von Dr. Philipp Daniel Merkle, dem Vorstandsvorsitzenden von Ratiopharm, begrüßte die Teilnehmer. Die Art und Weise wie sie uns begrüßte mutete etwas seltsam esotherisch an. Sie war sehr darauf bedacht, einen besonders harmonischen Eindruck zuvermitteln. Was die Geschichte über die zugefrorene Alster sollte, über die Dr. Merkle von seiner Mutter als Neugeborenes geschoben wurde, erschloß sich mir nicht ganz. Wahrscheinlich sollte bei uns Hamburgern das Eis gebrochen werden, für die schwäbelnde Breitseite, die uns bevorstand.

    Kurz nachdem sich der Marketingchef mit ein paar wohlgesetzten Worten an das Publikum gewandt hatte, bekam endlich Dr. Merkle die Gelegenheit, seine Idee einer Welt im Gleichgewicht zu erläutern.

    Nach dem geschliffenen Redestil seiner Vorredner erforderte der etwas chaotische Satzbau und der schwäbische Dialekt ein wenig Eingewöhnungszeit. Dr. Merkle schilderte die Auslöser seiner Aktion „World in Balance“ (wer erinnert sich nicht noch an den Pharmaskandal vor ein paar Jahren) und die damit verfolgten Ziele und ich saß da und wartete noch immer darauf, zu erfahren, was der Abend denn nun sollte.

    Die gesamte Rede über hatte ich das Gefühl, daß es Herrn Dr. Merkle sterbenspeinlich ist, dort jetzt im Mittelpunkt dieser Veranstaltung zu stehen. Sein Vorhaben, nach den katastrophalen Erlebnissen des Skandals, sich für ein rechtschaffendes, verantwortungsvolles Unternehmertum gekoppelt mit Entwicklungshilfe und Klimaschutz einzusetzen, sind sehr löblich, gingen aber in seinem Vortrag etwas unter.

    Immer wieder wurden von ihm die Begriffe Gleichgewicht und Harmonie „… also einer World in Balance“ in seine Rede eingestreut. Das wirkte extrem aufgesetzt und passte so gar nicht zum restlichen Teil seines Vortrags, den ich ihm gerade aufgrund seiner etwas laienhaften Vortragsweise abgenommen habe. Wären die von ihm angesprochenen Inhalte rhetorisch perfekt vorgetragen worden, wäre für mich die Glaubhaftigkeit verloren gegangen.

    Im Anschluß an den ersten Vortrag gab es Klaviermusik von einem Fünzehn-/Sechzehnjährigen, dessen Einbindung in das ganze Projekt nicht ganz klar wurde. Es wurde zwar in einem, in meinen Augen mißglückten Spontaninterview zwischen Dr. Merkle und dem Pianisten Mark Ehrenfried, versucht dies etwas zu erhellen – es blieb aber bei dem Versuch.

    Nachdem die wirklich sehr schöne Musik verklungen war, konnte sich Arved Fuchs zu seinen Polarexpeditionen und Erlebnissen entlang des Polarkreises äußern. Die Dreiviertelstunde aus Vortrag und Diashow war unterhaltsam, brachte aber keine wirklich neuen Informationen über den Klimawandel.

    Die Umrundung des Nordpols hatten wir gerade hinter uns, als Dr. Merkle ein zweites Mal ansetzte, darzustellen, wie er denn nun gedenke zukünftig zu handeln. Ich hatte den Eindruck, daß er mit seinem Vortrag die eigentlich gute Idee, die Gewinne eines Unternehmens dafür einzusetzen, Menschen in Afrika zu helfen, etwas überstrapazierte. Die Zusammenarbeit mit „Menschen für Menschen“ von Karl-Heinz Böhm gefällt mir, genauso wie die 1.7 Millionen Euro, die aus der laufenden Kampagne bereits überwiesen worden sind.

    Den Abend sollte eine Diskussion mit dem Publikum abrunden. Hier wurde es nun zum ersten Mal richtig spannend. Es meldeten sich verschiedenen Zuschauer, um ihre Meinung kundzutun. Der erste Wortbeitrag stammte von jemandem, der wohl diese Plattform nutzen wollte, um Werbung für sich und seine Unternehmensberatung zu machen. Jedenfalls war seine Selbstvorstellung unter mehrfacher Nennung seiner Firma fast genauso lang wie seine anschließende Frage nach einer Veröffentlichung der dargestellten Firmenphilosophie auf der Ratiopharminternetseite. Geschenkt.

    Die zweite Fragestellerin beklagte, daß hier zwar nette Reden geschwungen werden würden, aber die Handlungen diesen doch etwas hinterherhinken würden. Die Speisekarte des Abends zeichne sich nicht gerade durch ökologische Überlegungen aus. Die Zutaten waren aus aller Herren Länder zusammengeflogen worden, vegetarische Gerichte vermisse sie komplett. Ihr Hauptkritikpunkt war der auf der Speisekarte aufgeführte Viktoriabarsch und die mit seiner Zucht verbundenen Probleme.

    Die Reaktion durch die Veranstalter auf diesen Einwurf war leider mehr als schwach. „Man müsse ja nicht gleich zurück in die Steinzeit“ und außerdem sei die Publikumsreaktion vom Stern (der damals den Pharmaskandal ins Rollen brachte) gesteuert, um Disharmonie in den Abend zu bringen. Für diese Disharmonie entschuldigte man sich und brach die Diskussion ab, in dem man eine Arztgattin über ihre Erfahrungen in Indien erzählen ließ.

    Kurz darauf meldete sich der Mitarbeiter aus dem Organisatorenteam zu Wort, der für die Zusammenstellung des Buffets verantwortlich war, und schob die „Schuld“ für den Viktoriabarsch auf den Caterer. Er hätte schon Probleme gehabt, den Thunfisch vom Buffet fernzuhalten (gelungen war ihm dies nicht, wie ein Blick in den Meeresfrüchtsalat zeigte).

    Insgesamt haben nicht die kritschen Fragen, sondern der Umgang mit der Kritik für mich ein schlechtes Licht auf den Abend geworfen. Warum stellt man sich nicht der Diskussion? Warum traut man sich nicht ein öffentliches „Mist, da hätten wir besser sein können! Wir kümmern uns ’drum!“? Stattdessen wurde die ganze Diskussion als Disharmonie bezeichnet und aus dem Abend verbannt – schade!

    In der Gesamtbeurteilung des Abends bin ich zwiegespalten. Auf der einen Seite steht ein Dr. Merkle, dem ich persönlich seine Motivation und seinen Drang, etwas zu verändern, abnehme und hoffe, daß er sich durchsetzen kann. Auf der anderen Seite wird auch diese Hilfsaktion wieder mal mit den Verkaufszahlen der Ratiopharm verbunden (1 Cent pro verkaufter Packung wird gespendet).

    Aber auch ein kleiner Schritt in die richtige Richtung ist ein Schritt in die richtige Richtung.

    Viele Grüße aus Hamburg,
    Jan



    Geändert von Jan (20.06.2007 um 10:09 Uhr) Grund: Link zum Bericht vom Stern ergänzt

  2. #2
    Erfahrener Benutzer ist Dauergast auf Flughäfen Avatar von gugu
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    Hallo Jan,

    bloß gut, dass ich da nicht dabei war. Ich hätte wahrscheinlich gar nicht gewußt, ob ich heulen oder lachen soll. Auf alle Fälle beschreibst Du den Abend sehr plastisch, man könnte echt meinen, selber dabei gewesen zu sein.
    Dieser Abend veranlasste Dich wohl auch, die jetzt im Forum laufende Umfrage ins Leben zu rufen. Die Beteiligung daran ist bis jetzt ja nicht so toll. Liegt vielleicht auch daran, dass man am Liebsten mehrere Punkte ankreuzen würde. So ging´s mir jedenfalls.

    Viele Grüße Gudrun


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