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Die Reisespinne > Asien, süd > Sri Lanka

Sri Lanka, bis 1972 Ceylon (amtlich: Demokratische Sozialistische Republik Sri Lanka) ist ein Inselstaat im Indischen Ozean 31km vor der Südspitze des Indischen Subkontinents. Die Insel wird auch Perle des Indischen Ozeans genannt und hat ca. 20 Millionen Einwohner.

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  Thema: Das trifft den Nagel auf den Kopf
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  #1 (permalink)  
Alt 30.12.2004, 12:18
milenaka
Gast
 
Beiträge: n/a
Das trifft den Nagel auf den Kopf

Wir haben versagt!

Die reichen Touristen des Westens reisen ins Paradies und pfeifen auf jede Verantwortung. Eine Selbstanklage

Von Frank Schätzing

Doch, Urlaub in Sri Lanka ist was Feines. Abhängen an Phukets Stränden. Tauchen auf den Malediven. Die letzten Paradiese, bewohnt von einfachen, anspruchslosen Menschen, die immer gut drauf sind. Schon arm, aber doch irgendwie glücklicher als wir. Gastfreundlich vor allem! Teilen das letzte bisschen, das sie haben, sind sich für nix zu schade, geborene Dienstleister. Und was das Beste ist – man zahlt kaum was dafür!

Die Tourismusbranche rechtfertigt das so: Was für uns wenig Geld ist, ist für die da unten viel. Schön gesagt und nach den Regeln der Verhältnisrechnung richtig. Darum, so lernen wir, geht es den meisten Menschen im südasiatischen Raum auch nicht wirklich schlecht, sondern nur verhältnismäßig beschissen. Also immer noch gut genug für ein Lächeln, wenn der Drink am Pool serviert wird. Nur dass »die da unten« sich von den paar Kröten, die der Dumping-Tourismus übrig lässt, beispielsweise kein Tsunami Warning System leisten können, wie es im pazifischen Raum schon Tausende von Menschenleben gerettet hat.

Die jüngste Katastrophe in Südasien ist weniger Folge einer instabilen Erdkruste als vielmehr der Instabilität unserer viel besungenen Weltgemeinschaft. Das touristische Interesse an exotischen Regionen scheint der Wertschätzung der dort lebenden Menschen diametral entgegengesetzt zu sein. Kaum ein Bild zeugt von so viel latenter Verachtung wie das vom ewig lächelnden asiatischen Serviceroboter. Es ist symptomatisch für unseren Umgang mit einem Teil der Welt, den wir bis heute vornehmlich als Operettenkulisse wahrgenommen haben, bevölkert von servilen Statisten.

Jetzt sind die Kulissen in sich zusammengestürzt, und wir reiben uns die Augen, sprachlos angesichts unvorstellbarer Opferzahlen, und fragen uns, was schief gelaufen ist.

Ganz einfach: Schief gelaufen ist, dass wir alljährlich zu Millionen in Länder reisen, die wir vor lauter Begeisterung komplett ignorieren. Dass wir glauben, man könne dort alles haben, ohne zu bezahlen. Dass wir nicht unterscheiden zwischen Menschen, die vom Tourismus leben, und solchen, die kümmerlich dahinleben. Und dass die Tourismusbranche einigen der ärmsten Länder der Welt in bester Kolonialistenmanier die Preispistole auf die Brust drückt – was zwar die Besucherzahlen in die Höhe schnellen lässt, die Gewinnspanne jedoch schmälert.

Schief gelaufen ist, dass der Westen Milliarden investiert in die Sicherheit seiner Bürger, explizit im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, bis hin zu einem Unsummen verschlingenden, konsequent sinnfreien Irak-Krieg, und andererseits Regionen wie den südasiatischen Raum ungeschützt lässt. Dass die Nationen, deren Bürger so gern ins freundliche, preiswerte Asien reisen, bislang nicht auf die Idee gekommen sind, den freundlichen Asiaten ein Tsunami Warning System zu spendieren, obwohl die dortige tektonische Dynamik hinreichend bekannt ist. Zwar sei ein derart verheerendes Beben im Indischen Ozean nur alle 700 Jahre zu erwarten, lässt uns die Statistik wissen, führt sich jedoch im gleichen Atemzug ad absurdum – das letzte vergleichbare Desaster ist bei weitem keine 700 Jahre her.

Schief gelaufen ist sicher auch, dass sich die Regierungen der lokalen Anrainerstaaten auf keine gemeinsame Gangart einigen konnten. Dass sie unfähig oder nicht willens waren, ihre Kräfte zu bündeln. Dass sie die Gefahr herunterredeten und schlicht unterschätzten.

Dennoch: Das Versagen ist auf unserer Seite. Angesichts der schrecklichen Bilder muss uns die Frage quälen, wann wir – die industrialisierten, wohlhabenden und politisch stabilen Nationen – endlich beginnen, Verantwortung zu übernehmen für die Welt »da unten« oder »dahinten«. Gut genug, um ihre Strände zu okkupieren, ist sie uns. Aber dann, bitte schön, sollte sie uns auch das Engagement wert sein, ihre Sicherheit zu fördern. Die Sicherheit der Einheimischen, wohlgemerkt, nicht nur die der Touristen! Zynisch wird es, wenn, wie jüngst gehört, offen über die Finanzierung eines Tsunami Warning System nachgedacht wird, um Besucher der Ferienparadiese künftig besser schützen zu können; wenn hervorgehoben wird, dass unter den zigtausend Toten auch Europäer, schlimmer noch, Deutsche sind. Bei aller Trauer um die Opfer: Wie viel unterschwelliger Rassismus ist im Spiel, wenn sich Betroffenheit so richtig erst einstellt in Anbetracht eigener Verluste? Wie viele tote Europäer sind vonnöten, um den verwüsteten Nationen endlich ihr Warnsystem zu stiften, und wie viele tote Asiaten tolerieren wir, ohne dass es geschieht?

Auf dem Gipfel des Zynismus begegnen wir dann einer größeren deutschen Boulevardzeitung, die sich gruselt, ob es die gute alte Erde demnächst gar zerreißen werde. Da prangt sie auf der Titelseite, überzogen von einem Craquelé tektonischer Grenzen, dass man sie beim nächsten seismischen Schluckauf förmlich auseinander fliegen sieht. Spätestens hier wird das Desaster zum profitablen Spiel mit der Angst, mutiert die Meldung zur Falschmeldung.

Nein, liebes Boulevardblatt, zerreißen würde nur eine Erde, die nicht bebt. Die Erdkruste muss in ständiger Bewegung sein. Seit Jahrmillionen formen und verändern die tektonischen Platten das Bild der Erde, da an den Spreizungsachsen der Mittelozeanischen Rücken ständig neuer Meeresboden entsteht und alter dafür eingeschmolzen wird. Er schiebt sich unter die kontinentale Platte, taucht ab in den heißen Erdmantel. Im Allgemeinen geht das reibungslos vonstatten, mitunter stockt das große Förderband jedoch, wenn sich unterseeische Berge im Plattenrand verhaken. Unter dem Druck der nachdrängenden Massen reißen sie sich schließlich los, und es kommt zu massiven Erschütterungen. Bei allem Grauen: Das Seebeben in Südasien war erdgeologischer Alltag.

Weit davon entfernt, schuld zu sein, folgt die Natur also ihren Gesetzen. Weltweit fordert sie Opfer. Weltweit könnten es weniger sein. Es wird Zeit, unser Entsetzen auf die richtigen Adressaten zu lenken. Auf die Untätigen.

Unser Autor, Jahrgang 1957, ist Verfasser des Bestsellers »Der Schwarm«. Der ökologische Science-Fiction-Roman war im Jahr 2004 eines der meistverkauften Bücher in Deutschland. Es beschreibt, wie das durch den Menschen misshandelte Meer zurückschlägt

(c) DIE ZEIT 31.12.2004 Nr.1

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  #2 (permalink)  
Alt 30.12.2004, 12:40
Aruba
Gast
 
Beiträge: n/a
Re: Das trifft den Nagel auf den Kopf

Nun ja teilweise mag das hier so zu treffen. Dieses Forum denke ich beweist aber, dass der einzelne Urlauber sehr wohl sich um die lieben Menschen in Südasien kümmert! Auch meine Eltern geben jährlich Geld einer Familie in Sri Lanka, so dass das Haus (welches hoffentlich noch steht..) Stück für Stück besser wurde und die Tochter eine Ausbildung begonnen konnte.

Natürlich möchte ich nicht nur die Schuld auf "die da oben" - sprich die Regierungen werfen. Wobei es hier wie wir an Amiland leider immer wieder feststellen müssen, es nur ums liebe Geld geht. Ohne Rücksicht darauf, ob Menschenrechte verletzt werden (s.China..). Wieso sollte man schließlich Bürgerkriege (übrigens à la Jugoslawien) versuchen zu schlichten, ist doch nichts zu holen auf Somalia und früher im Tamilenkrieg. Geld regiert leider immer noch die Welt.

Die Urlauber, welche noch immer auf Phuket beispielsweise am Pool ihres verschonten Hotels sich sonnen und die Cocktails sich servieren lassen - das bedarf keiner weiteren Erläuterung. Man kann nur hoffen, dass der stärker werdende Verwesungsgeruch den Genuß ihres Cocktails verdirbt.

Letzten Endes liegt es an jedem einzelnen Menschen, dass er Verantwortung nicht nur für sein Leben sondern eben auch für das der Mitmenschen, egal ob im Alltag oder im Urlaub, trägt. Nur so kann es zu einem Miteinander kommen, nur so zu einem großen Engagement, wie wir es größtenteils in diesem Forum erleben.

Und ich hoffe, dass angesichts dieser schrecklichen Katastrophe wir Deutsche auch endlich aufhören zu jammern!!! Uns geht es doch gut! Insofern kann man dem Autor der ZEIT wieder recht geben. Tun wir was für die anderen!

Schöne Grüße
von Aruba, die eigentlich arbeiten müsste, sich aber jetzt mal den Frust von der Seele geschrieben hat.
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